Runenweihe – Rituelle Weihe, Gebrauchsweihe und Blutweihe

Die rituelle Runenweihe dient dazu, die Funktion bzw. Aufgabe einer Rune festzulegen und zu beschränken. Sie ist unter „Runen ritzen, rituell weihen und binden“ beschrieben. Daneben kennen wir noch die Gebrauchsweihe und die Blutweihe.

RunenweiheFertigen wir ein Amulett oder einen Talisman an, ist das Vorgehen generell klar: Die Rune(n) werden durch die rituelle Runenweihe auf ihre Funktion und Aufgabe festgelegt und beschränkt. So soll z.B. Fehu als Amulett für den Schutz des Heimes nichts anderes bewirken. Also wird sie auf diese Aufgabe beschränkt. Wird durch eine Bindung der Ort oder die Person(en) festgelegt, gibt es auch da im Nachhinein keine Änderung.

Eine derartige Festlegung und Beschränkung durch die rituelle Runenweihe wieder aufzuheben ist sehr schwer und gehört in die „hohe Schule“ der Runenkunst.

Die rituelle Runenweihe ist jedoch nicht immer sinnvoll. Bei einer Skarja ist es beispielsweise oft gewünscht, dass Rune und Heiler mit der Zeit eine immer stärkere Verbindung eingehen und regelrecht gemeinsam lernen, ihre Aufgabe(n) immer besser zu bewältigen. In dem Fall kommt die Gebrauchsweihe zum Einsatz.

Gebrauchsweihe

Die Gebrauchsweihe ist auf den ersten Blick einfacher, aber auch riskanter als eine rituelle Runenweihe. Sie ist ein reiner Willensakt. Dabei konzentriert sich der Runer auf die Verbindung zu der Rune, auf die Aufgabe, die er ihr zugedacht hat und auf die Erwartungen, die er diesbezüglich an sie hat. Wie lange das dauert, ob man dabei laut oder in Gedanken mit der Rune spricht, welchen Platz man dafür wählt, ist alles den individuellen Vorstellungen und Wünschen des Runers überlassen.

Wichtig ist jedoch zu wissen, dass eine Gebrauchsweihe nie endet!

Jedes mal, wenn der Runer physisch oder mental Kontakt zu der Rune aufnimmt, wird die Gebrauchsweihe fortgesetzt. Die Verbindung zwischen Runer und Rune wird immer stärker, die gemeinsamen Fähigkeiten wachsen und die Rune wirkt wie ein Speicher, der gemeinsame Erfahrungen wieder abrufbar macht.

Für die Arbeit eines runischen Heilers ist dies unverzichtbar, birgt jedoch auch Gefahren. Die Rune bleibt – anders als bei der rituellen Weihe oder der Blutweihe – beeinflussbar. Das bedeutet, dass sie auch von anderen Personen – sogar ungewollt – beeinflusst werden kann. Die Gebrauchsweihe sollte daher nur dann eingesetzt werden, wenn man die Rune vor fremder Beeinflussung schützen kann (Taekhan), es nicht anders möglich ist (Laidon) oder zu Übungszwecken (Erlenstab).

Die Gebrauchsweihe kann durch eine rituelle Weihe oder Blutweihe beendet werden.

Runenweihe - Blutweihe

Vorbemerkungen zur Blutweihe

Das sogenannte „färben“ oder „einfärben“ von Runen wird in meiner Familie nicht praktiziert. Es gibt auch keine entsprechenden Überlieferungen dazu. Runen mit Farbe, möglicherweise sogar mit verschiedenen Farben für verschiedene Wirkungen vollzuschmieren ist eine Erfindung von Hobby-Esoterikern. Jedoch hat es einen realen Hintergrund. Es ist durchaus nicht ungewöhnlich, im Zusammenhang mit einer rituellen Weihe und eventuell auch Gebrauchsweihe, Blut auf eine Rune aufzubringen. Es entspricht dem Einbrennen von Haaren oder auch dem Auftropfen von Tränen. Dabei geht es jedoch um die Stärkung der Bindung zwischen Runer und Rune und nicht um eine spezielle Form der Weihe.

Die Verwendung von Blut stellt sich als besonders dramatisch dar und das könnte der Grund sein, warum das Einfärben mit Blut in den letzten hundert Jahren als so wichtig und notwendig für die Runenarbeit dargestellt wird. Das Auftropfen von Tränen ist sehr viel wirkungsvoller (materialisierte Emotionen), aber vermutlich kommt das nicht so gut an oder ist gar nicht bekannt.

Das Aufbringen von Blut zur Stärkung der Verbindung zwischen Runer und Rune hat jedoch nichts mit der sogenannten Blutweihe zu tun!

Blutweihe / Laidon

Die Blutweihe ist ein heiliges Ritual bei dem der Runer sich eine blutende Verletzung zufügt und die Wunde so lange auf die Rune presst, bis die Weihe vollzogen ist. Ausschließlich Runen, die der Blutweihe unterzogen wurden, werden als Blutrunen bezeichnet.

Vollzieht ein Lehrer für seinen Schüler die Weihe eines Laidon, so handelt es sich dabei immer um eine Blutweihe. So, wie ein Lehrer die Laidon-Rune selbst ergründen muss, muss er auch selbst die richtige Eidesformel finden. Es gibt dazu nur ganz allgemeine Hinweise, jegliche weitere Hilfe ist streng verboten. Dadurch soll sichergestellt werden, dass nur wirklich erfahrene und fähige Lehrer andere Runer ausbilden.

Die Laidon-Rune wird durch die Blutweihe in ihrer Aufgabe und Funktion durch den Lehrer festgelegt. Die vierundzwanzig Runen von Fehu bis Othala werden durch den Schüler mit Unterstützung der Laidon-Rune permanent der Gebrauchsweihe unterzogen. Diese Kombination ist einzigartig und nur auf einem Laidon zu finden.

Nach meiner bisherigen Erfahrung dauert die Weihe eines Laidon ca. eine Stunde und ist recht anstrengend und auch schmerzhaft. 2019 zu Litha habe ich erlebt, wie eine Laidonweihe durch die Unterstützung einer Walküre in wenigen Sekunden vollzogen wurde. Man(n) lernt nie aus.

Blutweihe / Kampfstab

Ebenfalls einzigartig ist die Verwendung von Runen auf dem Kampfstab der runischen Krieger. Jede einzelne Rune darauf muss zwingend der Blutweihe unterzogen werden. Gott der runischen Krieger ist der Ase Tyr, die Blutweihe der Kampfrunen richtet sich jedoch immer an Thor, den stärksten der Asen.

Runenweihe

Blutweihe / Lebenseid

Dritte und letzte Möglichkeit für die Anwendung der Blutweihe ist der Lebenseid.
Hat ein Runer den Wunsch, sein Leben „dem Dienst der Götter und der Ehre der Sippe“ zu weihen, kann er den Lebenseid ablegen. Was erst einmal nach einer durchaus ehrenvollen Aufgabe klingt, ist das schwerste, längste und gefährlichste Ritual, welches uns überliefert ist.

Der Proband fertigt ein Amulett, welches „Schutz und Gemeinschaft der Sippe“ bewirken soll aus „dem rechten Holz“. Das folgende Ritual wird in zehn einzelnen Schritten, jeweils „bezeugt durch Krieger, Schamanen und Heiler der Sippe“ durchgeführt. Dazu begibt sich der Proband in Begleitung der Zeugen an neun aufeinanderfolgenden Neumondnächten ans Meer und führt jeweils die Blutweihe mit dem Amulett durch. Diese neun Blutweihen werden zu Ehren der Töchter des Meeresriesen Ägir vollzogen.

1. Weihe: Eistla, die Dahinstürmende
2. Weihe: Jarnsaxa, die schneidende Kälte
3. Weihe: Atla, die Furchtbare
4. Weihe: Gjalp, die Brausende
5. Weihe: Imd, die Dunstige
6. Weihe: Eyrgjafa, die Sandspenderin
7. Weihe: Ulfrun, die Wölfische
8. Weihe: Angeyja, die Bedrängerin
9. Weihe: Greip, die Umkrallende

Bei jeder dieser Weihen fügt sich der Proband eine blutende Wunde zu, presst diese auf die Rune und bittet mit seinen eigenen Worten die Riesin um Beistand für sein Vorhaben. Die Weihe ist vollzogen, wenn die Riesin ihr Einverständnis durch ein Zeichen kundgetan hat, welches von den Zeugen als solches erkannt wird.

In der zehnten Neumondnacht fahren alle Beteiligten gemeinsam in einem offenen Boot auf das Meer hinaus. Der Proband ruft Heimdall, den Sohn der neun Riesinnen, an und schwört ihm, sein Leben „dem Dienst der Götter und der Ehre der Sippe“ zu weihen. Dann „öffnet er eine Lebensader“ und lässt sein Blut über die Rune fließen bis Heimdall den Bifröst sichtbar macht zum Zeichen, dass der Eid angenommen wird.
Gibt es kein Zeichen von Heimdall, kehren die Zeugen ohne den Probanden zurück.

Anmerkung zum Lebenseid

Nach der Überlieferung verstarb 1836 einer der Bewahrer unserer Familie ohne einen Nachfolger ernannt zu haben. Den Streit um die Nachfolge entschied einer der Anwärter für sich, indem er den Lebenseid ablegte. Weitere Anwendungen sind nicht überliefert.
In „Anführungszeichen“ ist Text, der ins hochdeutsche übertragen, wörtlich aus der Überlieferung stammt. Was mit dem „rechten Holz“ genau gemeint ist, wurde nicht weiter ausgeführt. Warum Völven nicht als Zeugen hinzugezogen werden, ist ebenfalls nicht bekannt.


In unserem Forum könnt ihr mehr über die Runenweihe erfahren.