Runen ritzen, rituell weihen und binden

Runen zu ritzen scheint oberflächlich betrachtet ganz einfach zu sein. Es gibt jedoch ein paar Dinge, auf die man achten sollte.

Runen ritzenBild links: Ritzmesser mit traditioneller Feuersteinklinge

Runen in Holz ritzen

Die senkrechten Linien der Runen werden zuerst und grundsätzlich faserparallel in das Holz geritzt. Danach folgen die schrägen Linien. Man kann alle Linien mit z.B. einem Bleistift vorzeichnen, aber je mehr man sich bei der Arbeit mental auf die Verbindung zur Rune konzentriert, um so mehr arbeitet man „blind“. Diese Konzentration auf das Wesen der Rune, welches man vorher durch Meditation erfasst hat, ist jedoch unabdingbar.

Beim Anfertigen eines Runensets sind Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen nicht angebracht. Fertigt man einen Talisman oder ein Amulett an, beginnt man zu diesem Zeitpunkt bereits, sich auch auf die gewünschte Wirkung zu konzentrieren. Das hat zur Folge, dass gerade bei Anfängern die Runen oft etwas krakelig aussehen. Das hat aber keinen Einfluss auf ihre Wirksamkeit! Die Verbindung des Runers zu der Rune, die er gerade anfertigt ist wichtig, eine perfekt gerade Linie ist es nicht. Entweder man zieht mit einem sehr spitzen und scharfkantigen Stein die Linien, „ritzt“ also im tatsächlichen Wortsinn eine Rille oder Furche in das Holz. Das braucht recht viel Kraft und man muss sehr vorsichtig sein. Rutscht man ab, kann man sich mit dem Stein erhebliche Verletzungen zufügen. Alternativ kann man mit einer scharfen Steinklinge zwei parallele, im Winkel von 45° einander zugeneigte Schnitte in das Holz bringen und den so gelösten Holzspan herausheben.

Runenstäbe

Runenstäbe fertige ich meist in einer Breite von 2,0 – 2,5 cm und einer Länge von 4,0 – 4,5 cm an. Die Ritzungen sind dann nicht wesentlich tiefer und breiter als ca. 2mm. Wie Tief und Breit man die Linien ritzt, ist aber auch nicht wichtig. Wenn man mit geschlossenen Augen die Linien erfühlen und die jeweilige Rune so erkennen kann, ist der Zweck erfüllt.

Es kann sehr hilfreich sein, während des Ritzens in Gedanken oder besser noch halblaut mit der Rune zu sprechen. Dabei kann man sich auf das grundsätzliche Wesen der Rune beziehen oder auch an gemeinsame Erlebnisse während der Meditation erinnern. Um so tiefer gehender und fester die Verbindung zur Rune wird, um so leichter ist die spätere Arbeit mit ihr. Leider kommen wir hier wieder an den Punkt, an dem allgemein gültige Regeln nicht weiterhelfen. Empfehlenswert ist es, sich für das Anfertigen jeder einzelnen Rune ein individuelles, kleines Ritual zu schaffen. An diesem Punkt sollten Sie auch nicht mehr überrascht sein, wenn die Rune antwortet.

Die Aussagen, sich einerseits mental auf das Wesen der Runen zu konzentrieren und „blind“ zu ritzen und andererseits mit dem scharfen Werkzeug sehr vorsichtig umzugehen, stehen natürlich im Widerspruch zueinander. Ich habe aber auch an keiner Stelle behauptet, dass es einfach oder ungefährlich wäre. Aus eigener, schmerzhafter Erfahrung empfehle ich, beim ritzen von Runen immer einen Verbandskasten in Reichweite zu haben.

Rituelle Runenweihe

Um die echte, urwüchsige Kraft einer Rune nutzbar zu machen, muss sie in drei Schritten geweiht werden. Fertigt man die Rune für sich selbst an, sollte man dabei allein sein. Fertigt man einen Talisman oder ein Amulett für eine dritte Person an, kann diese dabei anwesend sein. Ob man das zulässt oder nicht, entscheidet jeder Runer für sich selbst, eine zwingende Vorschrift gibt es nicht. Ist jedoch eine weitere Person anwesend, so sollte sie vorher mit dem Ablauf der Weihen vertraut gemacht werden und bereit sein, geduldig und ohne zu stören dem Ablauf zu folgen.

Weihen und Binden sollte bevorzugt in freier Natur in der Nähe von Kraftlinien erfolgen. Hat man noch einen schönen, alten Baum und einen Bach in der Nähe, ist es wohl der perfekte Platz. Je öfter man einen solchen Platz nutzt, um so besser. Auch hier stellt sich im Laufe der Zeit eine Beziehung ein und Sie werden spüren, dass es Ihnen von Mal zu Mal leichter fällt. Wenn man vor Anfertigung seines ersten Runensets diesen Platz bereits für die Meditation genutzt hat, erleichtert es die erste Weihe schon erheblich.

Jede Rune wird einzeln geweiht und gebunden. Um ein ganzes Set zusammen zu weihen, braucht man sehr viel Erfahrung und jahrelangen Umgang mit Runen. Und selbst dann ist der Erfolg keineswegs garantiert.

Weitere Möglichkeiten der Runenweihe sind unter Runenweihe – Rituelle Weihe, Gebrauchsweihe und Blutweihe zu finden.

Feuerweihe

Die erste Weihe gilt dem Feuer. Dazu legt man die Rune in ein kleines Jutesäckchen oder ähnliches (kein Kunststoff, kein veredeltes Metall!) und hängt sie über einem offenen Feuer auf. Die Dauer einer Weihe ist unmöglich vorherzusagen, da sie von zu vielen Faktoren – insbesondere aber von dem durchführenden Runer – abhängt. Ich habe Feuerweihen in wenigen Minuten erfolgreich beendet, hatte aber auch schon regelrecht „zickige“ Runen, bei denen es fast eine Stunde dauerte. Hat man jedoch erst einmal begonnen, so ist sie unbedingt bis zum Ende durchzuführen! Muss eine Weihe einmal unterbrochen oder gar abgebrochen werden, sollte man die betreffende Rune verbrennen (tilgen).

Für die Feuerweihe nimmt man eine Position ein, aus der heraus man den Beutel mit der Rune und die Flammen des Feuers gut im Blick hat und spricht die nachfolgende Formel.

Da wir Fehu bereits als Beispiel genutzt haben, ist jetzt Uruz an der Reihe.
1) Uruz, Urkraft der Erde,
2) ich weihe dich den zwei Seiten des Feuers.
3) Das schützende Feuer des Herdes
4) und die vernichtende Kraft der wilden Flamme
5) seien dir verbunden.
6) Zwinge nicht und werde nicht gezwungen.
7) Im Geiste der Vorderen,
8) folge dem Weg und weise den Weg.
9) Enthülle deine Macht.

Nach einer kurzen Pause wiederholt man diese Formel so oft, bis die Rune „ihre Macht enthüllt“. Und auch hier gibt es wieder kein Richtig oder Falsch. Ob die Formel besser geflüstert, gesungen oder lauthals hinausgebrüllt wird, muss jeder Runer für sich selbst herausfinden. Auch ob man – mit oder ohne Musik – um das Feuer herumtanzt oder bequem im Schneidersitz dahockt, ist nicht vorgeschrieben. Wichtig ist jedoch die volle Konzentration auf die eigene Verbindung zu der Rune! Wie die Rune Ihnen die erfolgreiche Verbindung mit dem Feuer anzeigt ist wieder einmal unmöglich vorherzusagen. Das ist nicht nur von Runer zu Runer sehr unterschiedlich, sondern auch von Rune zu Rune. Sicher ist allerdings eines: Wenn es soweit ist, werden Sie es wissen!
Und wenn Sie bereits nach wenigen Minuten schweißüberströmt und der Erschöpfung nahe sind, machen Sie nichts falsch. Mit zunehmender Erfahrung wird es Ihnen aber immer leichter fallen.

Erklärung der Formel:

Zeile 1 wird je nach Rune verändert. Es wird der Name, gefolgt von der Bedeutung der Rune, eingesetzt.
Zeile 2 bis 5 sind für die Feuerweihe festgelegte Formulierungen.
In den folgenden Zeilen sind die Worte für alle drei Weihen gleich.
Zeile 6 bezieht sich auf den Einklang, in dem die Rune mit der Natur und den sie umgebenden Kräften steht. Sie zwingt das Feuer nicht, ihr seine Kraft zu geben und wird im Gegenzug auch selbst nicht dazu gezwungen. Alles erfolgt in Harmonie miteinander.
Zeile 7 nimmt Bezug auf die Ahnen. Wirkt die Rune „im Geiste der Vorderen“, also nach den Wertvorstellungen der Ahnen, so werden diese sie und damit auch den Runer unterstützen. Das setzt sich fort in
Zeile 8. Die Rune soll dem Weg der Ahnen folgen und diesen Weg dem Runer zeigen.
Zeile 9 letztendlich ist die Aufforderung anzuzeigen, ob die Rune eine Verbindung mit dem Feuer eingegangen und die Feuerweihe damit gelungen ist.

Erdweihe

Die zweite Weihe gilt der ewigen Kraft von Erde und Natur. Die Rune bleibt in dem Jutesäckchen und wird zwischen den Wurzeln eines möglichst alten, aber gesunden Baumes ca. 20-30cm tief vergraben. Bei dieser Weihe bleibt der Runer an seinem gewählten Platz, da ein ständiger Kontakt mit dem Baum erforderlich ist. Ob man sich allerdings gegen den Baum lehnt, ihn umarmt oder gar hinaufklettert und sich auf einen Ast hockt, ist wiederum gleichgültig. Wichtig ist der freie Blick auf die Stelle, an der die Rune vergraben ist und die volle Konzentration auf die Verbindung zur Rune.

Der Ablauf erfolgt analog zu dem der Feuerweihe. Als Beispiel nutzen wir hier Thurisaz.
Thurisaz, Rune der Zerstörung und des Neubeginns,
ich weihe dich der ewigen Kraft von Erde und Natur.
Die Macht der Allmutter Erde
und der ewige Kreislauf des Lebens
seien dir verbunden.
Zwinge nicht und werde nicht gezwungen.
Im Geiste der Vorderen,
folge dem Weg und weise den Weg.
Enthülle deine Macht.

Wasserweihe

Die letzte Weihe gilt dem Wasser der Weisheit und Erkenntnis. Die Rune bleibt weiterhin in dem Jutesäckchen, welches der Runer zwischen seine Hände nimmt. Das Säckchen mit der Rune wird nun mit beiden Händen in ein fließendes (nicht stehendes!) Gewässer getaucht. Dazu kann man sich am Ufer hinknien oder auch in das Wasser hineingehen. Es spricht auch nichts dagegen, sich ein Kissen für die Knie oder Gummistiefel und dicke Socken (je nach Jahreszeit) mitzubringen. Da der Beutel mit der Rune während der Weihe nicht aus dem Wasser genommen werden darf, sollte man sich da absichern – falls mal wieder eine Rune „rumzickt“. Auch hier gilt wieder: Vollste Konzentration auf die Verbindung zur Rune.

Ansuz, göttlicher Atem,
ich weihe dich dem Wasser der Weisheit und Erkenntnis.
Der Regen der Berge und die Nebel der See,
der Bach und der Fluss und der Teich und das Meer
seien dir verbunden.
Zwinge nicht und werde nicht gezwungen.
Im Geiste der Vorderen,
folge dem Weg und weise den Weg.
Enthülle deine Macht.

Runen binden

Eine Rune zu binden bedeutet, ihre Wirkung auf eine bestimmte Person zu fixieren. Die Wirkung der Rune wird dadurch nicht verstärkt, konzentriert sich aber auf diese Person. In den meisten Fällen ist das sinnvoll, manchmal, wie z.B. bei einem Bergeband, das von einer Hebamme eingesetzt wird, oder bei Schutzzaubern, die eine Personengruppe oder einen Ort betreffen, nicht.

Für das Binden einer Rune stehen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung. Einerseits kann man diese Verbindung durch Meditation, ähnlich wie wenn man selbst eine Verbindung zu der Rune aufbaut, herstellen. Dazu muss man jedoch die Person, an die die Rune gebunden werden soll, wirklich sehr gut kennen. Eine weitere Möglichkeit ist die Bindung durch Haare. Dazu nimmt man 2-3 Haare der betreffenden Person und bestreicht sie mit etwas Bienenwachs. Die Haare kleben dadurch aneinander. Dann schneidet man sie in entsprechender Länge zu und legt sie in die Ritzungen der Rune. Als Letztes werden die Haare mit einem brennenden oder glühenden Holzspan in die Ritzung eingebrannt. Ob die Haare dabei fast vollständig verbrennen oder nicht ist unwesentlich. Wichtig ist eine dauerhafte Verbindung des Materials mit dem Holz.

Die stärkste Bindung jedoch erreicht man durch Körperflüssigkeiten. Am bekanntesten ist hier wohl die Bindung mit Blut (Blutrunen). Dabei wird die Ritzung der Rune mit Blut eingefärbt. Auch Körperflüssigkeiten kann man, wie bei den Haaren beschrieben, noch zusätzlich einbrennen. Unbedingt erforderlich ist das jedoch nicht.

Formel

Die Formel für das Binden einer Rune ist – unabhängig von der Vorgehensweise bei der Bindung – immer gleich. Sie wird nur einmal gesprochen, muss also nicht wie die Formeln bei der Runenweihe wiederholt werden.
1) Drei Wurzeln des Einen
2) Drei Wasser der Tiefe
3) Die Zeit nach der Zeit
4) Gewappnet der Freund
Diese Formel ist vermutlich erheblich älter als Beispielsweise die Formeln zur Runenweihe. Eine eindeutige Erklärung ist mir dazu nicht überliefert worden. Die folgende Interpretation scheint mir jedoch schlüssig zu sein.
1) bezieht sich vermutlich auf die drei Wurzeln des Weltenbaumes Yggdrasil.
2) weist vermutlich auf die drei Quellen Hvergelmir, den Urdbrunnen und Mimirs Brunnen unter Yggdrasil hin.
3) könnte sich auf die drei Nornen beziehen, welche an der Urdquelle wohnen und die Geschicke der Menschen und Götter lenken. Sie stehen für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
4) ist der eigentliche magische „Befehl“. Der Freund ist hier die Person, an die die Rune gebunden wird und er ist durch die Bindung gewappnet (beschützt).

Tilgen

Weißt du wie man senden, weißt wie man tilgen soll?
Besser nichts gesendet, als zu viel getilgt;
(Aus Odins Runenlied)

Unter Tilgen verstehen wir das Gegenteil von Senden und somit das Deaktivieren von Runen. Dies kann einerseits durch das Aufheben der Runenweihe und andererseits durch das Zerstören des Runenkörpers durch Feuer und/oder Wasser erfolgen.

Am ehesten erfolgt das Tilgen bei einer unterbrochenen oder schief gelaufenen Runenweihe oder wenn eine Rune beschädigt wurde. Besteht der Runenkörper aus Holz, Knochen, Bernstein oder ähnlichem Material, wird er dann verbrannt. Metall muss in dem Fall tatsächlich eingeschmolzen werden. Für Stein ist überliefert, dass er im Feuer erhitzt und im Wasser abgekühlt und so zerbrochen werden soll. Aus eigener Erfahrung kann ich aber bestätigen, dass ein großer Hammer und viel Kraft auch sehr zuverlässig wirken.

In der traditionellen Meister – Schüler Ausbildung gehört das Tilgen mittels Ritual zu einer Prüfung. Dabei werden durch den Meister mehrere Runen angefertigt und geweiht. Dann ist es Aufgabe des Schülers, diese Runen zu tilgen.


In unserem Forum könnt ihr mehr über das Ritzen, Weihen und Binden von Runen erfahren.