Odins Runenlied – Rúnatal þáttr Óðinn

Odins Runenlied in der Übersetzung nach Karl Simrock.

138
Ich weiß, dass ich hing am windigen Baum
Neun lange Nächte,
Vom Speer verwundet, dem Odin geweiht,
Mir selber, ich selbst,
Am Ast des Baumes, dem man nicht ansehn kann
Aus welcher Wurzel er sproß.

139
Sie boten mir nicht Brot noch Met;
Da neigt ich mich nieder
Auf Runen sinnend, lernte sie seufzend:
Endlich fiel ich zur Erde.

140
Hauptlieder neun lernt ich von dem weisen Sohn
Boelthorns, des Vaters Bestlas,
Und trank einen Trunk des teuern Mets
Aus Odhroerir geschöpft.

141
Zu gedeihen begann ich und begann zu denken,
Wuchs und fühlte mich wohl.
Wort aus dem Wort verlieh mir das Wort,
Werk aus dem Werk verlieh mir das Werk.

142
Runen wirst Du finden und Ratestäbe,
Sehr starke Stäbe,
Sehr mächtige Stäbe,
Erzredner ersann sie, Götter schufen sie,
Sie ritzte der hehrste der Herrscher.

143
Odin den Asen, den Alfen Dain,
Dwalin den Zwergen,
Alswid aber den Riesen; einige schnitt ich selbst.

144
Weißt Du zu ritzen ? Weißt Du zu erraten ?
Weißt Du zu finden ? Weißt Du zu erforschen ?
Weißt Du zu bitten ? Weißt Opfer zu bieten ?
Weißt Du wie man senden,
weißt wie man tilgen soll ?

145
Besser nicht gebeten, als zu viel geboten:
Die Gabe will stets Vergeltung.
Besser nicht gesendet, als zu viel getilgt;
so ritzt es Thundr zur Richtschnur den Völkern.
Dahin entwich er, von wannen er ausging.

146
Lieder kenn ich, die kann die Königin nicht
Und keines Menschen Kind.
Hilfe verheißt mir eins, denn helfen mag es
In Streiten und Zwisten und in allen Sorgen.

147
Ein andres weiß ich, des alle bedürfen,
Die heilkundig heißen.

148
Ein drittes weiß ich, des ich bedarf
Meine Feinde zu fesseln.
Die Spitze stumpf ich dem Widersacher;
Mich verwunden nicht Waffen noch Listen.

149
Ein viertes weiß ich, wenn der Feind mir schlägt
In Bande die Bogen der Glieder,
So bald ich es singe, so bin ich ledig,
Von den Füßen fällt mir die Fessel,
Der Haft von den Händen.

150
Ein fünftes kann ich: fliegt ein Pfeil gefährdend
Übers Heer daher,
Wie hurtig er fliege, ich mag ihn hemmen,
Erschau ich ihn nur mit der Sehe.

151
Ein sechstes kann ich, so wer mich versehrt
Mit harter Wurzel des Holzes:
Den andern allein, der mir es antut,
Verzehrt der Zauber, ich bleibe frei.

152
Ein siebentes weiß ich, wenn hoch der Saal steht
Über den Leuten in Lohe,
Wie breit sie schon brenne, ich berge sie noch:
Den Zauber weiß ich zu zaubern.

153
Ein achtes weiß ich, das allen wäre
Nützlich und nötig:
Wo unter Helden Hader entbrennt,
Da mag ich schnell ihn schlichten.

154
Ein neuntes weiß ich, wenn Not mir ist
Vor der Flut das Fahrzeug zu bergen,
So wend ich den Wind von den Wogen ab
Und beschwichtge rings die See.

155
Ein zehntes kann ich, wenn Zaunreiterinnen
Durch die Lüfte lenken,
So wirk ich so, daß sie wirre zerstäuben
Und als Gespenster schwinden.

156
Ein elftes kann ich, wenn ich zum Angriff soll
Die treuen Freunde führen,
In den Schild fing ich’s, so ziehn sie siegreich
Heil in den Kampf, heil aus dem Kampf,
Bleiben heil wohin sie ziehn.

157
Ein zwölftes kann ich, wo am Zweige hängt
Vom Strang erstickt ein Toter,
Wie ich ritze das Runenzeichen,
So kommt der Mann und spricht mit mir.

158
Ein dreizehntes kann ich, soll ich ein Degenkind
In die Taufe tauchen,
So mag er nicht fallen im Volksgefecht,
Kein Schwert mag ihn versehren.

159
Ein vierzehntes kann ich, soll ich dem Volke
Der Götter Namen nennen,
Asen und Alfen kenn ich allzumal;
Wenige sind so weise.

160
Ein fünfzehntes kann ich, das Volkrörir der Zwerg
Vor Dellings Schwelle sang:
Den Asen Stärke, den Alfen Gedeihn,
Hohe Weisheit dem Hroptatyr.

161
Ein sechzehntes kann ich, will ich schöner Maid
In Lieb und Lust mich freuen,
Den Willen wandl ich der Weißarmigen,
Daß ganz ihr Sinn sich mir gesellt.

162
Ein siebzehntes kann ich, daß schwerlich wieder
Die holde Maid mich meidet.
Dieser Lieder, magst du, Loddfafnir,
Lange ledig bleiben.
Doch wohl dir, weißt du sie,
Heil dir, behältst du sie,
Selig, singst du sie!

163
Ein achtzehntes weiß ich, das ich aber nicht singe
Vor Maid noch Mannesweibe
Als allein vor ihr, die mich umarmt,
Oder sei es, meiner Schwester.
Besser ist was einer nur weiß;
So frommt das Lied mir lange.

164
Des Hohen Lied ist gesungen
In des Hohen Halle,
Den Erdensöhnen not, unnütz den Riesensöhnen.
Wohl ihm, der es kann, wohl ihm, der es kennt,
Lange lebt, der es erlernt,
Heil allen, die es hören.

Odins Runenlied - Odin auf SleipnirBild: Odin auf Sleipnir aus der isländischen Eddahandschrift NKS 1867 4to von Ólafur Brynjúlfsson aus dem Jahre 1760.

Interpretation von Odins Runenlied

Des Hohen (Odins) Lied, gesungen in des Hohen Halle (Walhall) ist für die Erdensöhne (Menschen) gesungen worden. Odin fordert uns auf, die Kraft der Runen zu nutzen.

Die letzten drei Zeilen aus Odins Runenlied werden unter einigen Runern mindestens seit der Zeit um 1650 so interpretiert, dass die Beziehung, in der eine Rune steht (Hagel, Not, Naturgewalt) nie das Wesen einer Rune ausmacht. Runen sind nicht gut oder böse, positiv oder negativ. Runen sind einfach und wenn ihre Kraft nicht vorsätzlich missbraucht wird, werden sie uns niemals schaden.

Kampfmagie

Achtzehn Strophen (146-163) dieses Liedes enthalten mehr oder weniger verschlüsselte Hinweise auf die Verwendungsmöglichkeiten der Runen. Vieles in Odins Runenlied bezieht sich naturgemäß auf den Kampf. Manches kann wörtlich genommen werden, manches sollte im Kontext gesehen und interpretiert werden. Grundsätzlich jedoch ist die Kampfmagie (nicht zu verwechseln mit den Kampfrunen!) etwas, dass von einem erfahrenen Runer im persönlichen Kontakt mit einem Schüler gelehrt werden sollte. Die Gefahr, sich selbst oder anderen zu schaden ist in diesem Bereich definitiv gegeben. Dies betrifft die Strophen 148, 149, 150, 151, 156 und 158. Runenritzungen auf Lanzen- und Speerspitzen bezeugen den Einsatz von Kampfmagie durch Namen wie ranja (Angreifer) oder raunijaR (Herausforderer).

Talismane und Amulette

In Strophe 146 geht es um Talismane im weitesten Sinne, die Beilegung von Streitigkeiten und das Abwenden von allen Sorgen.

Beispiele: Fehu als Talisman für materielles Wohlergehen und gesellschaftliches Ansehen. Gebo für die Zusammenführung und Harmonisierung von Gegensätzen. Wunjo zur Harmonisierung verschiedener Ebenen des Seins und Talisman zur Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls in einer Gemeinschaft. Nauthiz als Talisman wendet Unheil (Not) ab und stärkt uns im Widerstand dagegen.

Runenheilung

Der sehr umfangreiche Bereich der Heilung mit und durch Runen wird nur sehr kurz in den zwei Zeilen von Strophe 147 angesprochen. Ein runischer Heiler nutzt alle 24 Runen und viele Kombinationen und Binderunen für seine Arbeit. Ein schönes Beispiel für häufige Missverständnisse dabei ist die Rune Nauthiz (Not). Wegen ihrer Beziehung zum Thema Not wird Nauthiz oft als „negative“ oder „schlechte“ Rune verstanden. Tatsächlich bedeutet dies jedoch, dass sie besonders gut gegen Not (-situationen) eingesetzt werden kann. Runische Heiler nutzen in erster Linie Nauthiz, wenn es um die Stärkung von Abwehrkräften und die Unterstützung des Immunsystems geht.

Es ist viel darüber spekuliert worden, warum die Runenheilung in Odins Runenlied nicht umfangreicher behandelt wird. Ursprünglich war Heilen ein Bestandteil der Arbeit der Seidrfrauen und -männer. Die spezialisierten runischen Heilerinnen und Heiler kennen wir so erst seit dem Ende des 18. Jahrhunderts.

Die rituelle Runenweihe in Odins Runenlied

Ab Strophe 152 beginnt ein Bezug auf die Zeile „Weißt du wie man senden, weißt wie man tilgen soll?“ am Anfang von Odins Runenlied. Senden im Sinne von Aktivieren einer Rune beginnt mit der Feuerweihe. Dies setzt sich in der folgenden Strophe fort, wo es vordergründig anscheinend um die Beilegung von Streitigkeiten zwischen Helden geht. Warum aber sollte das für alle nützlich und nötig sein? Es geht wohl eher darum, dass wir alle, Asen, Wanen, Alben und Menschen miteinander und mit der Natur ebenso wie mit der Magie verbunden sind. Diese Verbindung kann auch als erdverbunden bezeichnet werden. Die Erdweihe ist der zweite Schritt bei der Runenweihe. Der dritte und letzte Schritt der Runenweihe wird dann in Strophe 154 angesprochen.

Es geht bei der Runenweihe nicht darum, die Runen mit den Elementen Feuer, Erde und Wasser zu verbinden. Vielmehr stehen die Feuer und Wasser für die Urgewalten in Ginnungagap (Kluft der Klüfte). Das aus Niflheim eindringende Eis (Wasser) schmolz in der aus Muspellsheim vordringenden Glut (Feuer). In diesem Schmelztiegel entstanden der Riese Ymir und die Urkuh Audhumbla. Die Brüder Odin, Vili und Ve töteten Ymir und formten aus seinen Bestandteilen die Welt (Erde). Die Runenweihe symbolisiert diesen Vorgang und verbindet die Runen mit den Kräften, die das Universum erschaffen haben. Die Runen selbst stehen dabei für jene Kräfte, die den Zusammenhalt und das Fortbestehen des Universums sicherstellen.

Gegenzauber

Um Gegenzauber geht es in Strophe 155. So können z.B. Flüche, die von „Zaunreiterinnen“ (Hexen) gewirkt werden, durch Gegenzauber mit Runen aufgehoben werden.

Seelenreise und Ahnen

Beim Thema Kontaktaufnahme zu unseren Ahnen in Strophe 157 scheint es kaum ein Zufall zu sein, dass ein Gehängter dabei erwähnt wird. Das Hängen als Todesstrafe steht auch symbolisch für das Selbstopfer Odins. Weiterhin für eine – wenn auch erzwungene – Reinigung von den Vergehen, die die Strafe erforderlich machten. Odin beschreibt uns damit die Ahnen als Wesen reinen Geistes.

Verbindung zu den Göttern

Neben Odin sind es einige Asen und Wanen, die für Runer eine besondere Bedeutung haben, worauf sich die Strophe 159 bezieht. Die Asin Eir ist es, die den runischen Heilern beisteht, den runischen Kriegern hilft der Ase Tyr und der Ase Hönir begleitet die runischen Schamanen. Eine besondere Rolle kommt der Wanin Freyja zu. Sie ist die Göttin der Völven. Da sie auch die Anführerin der Walküren ist, die als Lehrerinnen der Menschenkinder tätig sind, hat sie ebenso wie Odin besondere Achtung und den Respekt eines jeden Runers verdient.

Hroptatyr ist einer der vielen Beinamen Odins. In Strophe 160 fordert er für sich die Weisheit und zeigt uns damit den Weg für eine erfolgreiche Runenarbeit. Erkenntnisgewinn durch Runen ist für jeden Runer möglich der Odins Lehren folgt. Odins Runenlied wird damit zu einer Richtlinie für Runer.

Völven

Die Strophen 161, 162 und 163 beziehen sich auf Liebeszauber, Bindungs- und Fruchtbarkeitsmagie. Liebeszauber mit Hilfe von Runenmagie ist immer wieder ein beliebtes Thema. Man sollte sich aber darüber im klaren sein, dass man auch mit Runenmagie niemanden zwingen kann, gegen seine Interessen und Gefühle zu handeln. Es muss schon passen. Auch wenn Odins Runenlied in einer patriarchalischen Gesellschaft niedergeschrieben wurde: Liebes- und Bindungszauber funktioniert in beide Richtungen! Allerdings sind es traditionell meist die als Völven spezialisierten Schamaninnen, die sich damit befassen. Das Thema Sexualmagie wird, ähnlich wie schon beim Thema Heiler, nur sehr kurz und auch etwas verschlüsselt angesprochen. Es ist jedoch ein sehr umfangreicher Teil der Runenmagie und ähnlich wie Liebes-, Bindungs- und Fruchtbarkeitsmagie meist Bestandteil der Arbeit einer Völva.

Hellsehen und Losen

Auffällig ist, dass es keinen Hinweis auf das sogenannte Losen, das Befragen der Runen gibt. Diese Praxis geht auf einen Bericht des Publius Cornelius Tacitus (* um 58 n. Chr.; † um 120) in seiner ethnographische Schrift „Germania“ zurück. Tacitus beschreibt jedoch nicht explizit das Befragen der Runen bzw. das Befragen der Götter mittels Runen, sondern spricht nur von mit „gewissen Zeichen“ (notis quibusdam) bezeichneten hölzernen Stäbchen, die auf ein weißes Tuch gestreut werden. Dass es sich dabei um Runen gehandelt haben soll ist reine Spekulation.

Odin selbst, der ständig auf der Suche nach Weisheit und neuen Erkenntnissen ist, brachte für die seherische Gabe ein weiteres Opfer. In Mimirs Brunnen, einer Quelle am Fuße Yggdrasils, sind Wissen und Weisheit verborgen. Um durch einen Schluck aus diesem Brunnen die Gabe des Hellsehens zu erlangen, musste Odin eines seiner Augen als Pfand im Wasser hinterlegen. Warum hätte Odin dieses Opfer bringen sollen, wenn er auch mit Hilfe der Runen in die Zukunft hätte sehen können?

Das Losen im Sinne von Weissagen, Orakeln muss als neuzeitliche Praxis angesehen werden, die mit ernsthafter Runenarbeit nichts zu tun hat. Das Befragen der Runen nach „dem rechten Weg“, also dem richtigen Verhalten im Sinne von Odins Runenlied, ist etwas ganz anderes.