Die Nornen und der Schicksalsbrunnen

Die Nornen Urd (Schicksal), Verdandi (das Werdende) und Skuld (das, was sein soll) wohnen an der Urdquelle zwischen den Wurzel der Weltenesche Yggdrasil.

Die NornenBild links: Die Nornen von Johann Ludwig Lund, (1777 1867).

In der Völuspá heißt es:

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Eine Esche weiß ich, heißt Yggdrasil,
Den hohen Baum netzt weißer Nebel;
Davon kommt der Thau, der in die Thäler fällt.
Immergrün steht er über Urds Brunnen.

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Davon kommen Frauen, vielwißende,
Drei aus dem See dort unterm Wipfel.
Urd heißt die eine, die andre Werdandi:
Sie schnitten Stäbe; Skuld hieß die dritte.
Sie legten Looße, das Leben bestimmten sie
Den Geschlechtern der Menschen, das Schicksal verkündend.

Zumeist werden diese Worte so interpretiert, dass die Nornen über das Schicksal sowohl der Menschen als auch der Götter bestimmen. Es gibt jedoch auch noch weitere Hinweise auf ihre Aufgaben.

Die Nornen & Yggdrasil

Ferner erzählt man, dass die Nornen, die am Urdabrunnen hausen, täglich Wasser aus dem Brunnen schöpfen und dazu den Schlamm, der um die Quelle herum liegt, und dies über die Esche ausgießen, damit ihre Zweige nicht verdorren oder verfaulen. Dies Wasser ist so heilig, dass alle Dinge, die in jene Quelle geraten, so weiß werden wie die Haut, die man Skjall nennt und die innen an der Eierschale sitzt.“ (Gylfagynning Kap. 16)

Was sich zunächst vielleicht nach Hobbygärtnern anhört, ist für den Erhalt der Welten lebensnotwendig. Yggdrasil ist der erste, größte und prächtigste Baum der Welt. Seine Äste breiten sich über alle neun Welten aus und seine drei Wurzeln reichen bis nach Jötunheim, Niflheim und Asgard. Wenn Yggdrasil zu welken beginnt, naht das Weltenende Ragnarök. Die Nornen halten Yggdrasil am Leben und damit den Fortbestand der Welten.

Die NornenBild rechts: „Die Nornen unter der Welteiche Yggdrasil“ von Ludwig Burger, (1825-1884).

In der Forschung wird überwiegend die Ansicht vertreten, dass Hvergelmir, Mimirs Brunnen und der Urdbrunnen verschiedene Beschreibungen einer Quelle sind. Die Urquelle zeigt sich dem Reisenden als Hvergelmir, der Quelle, aus der alle Flüsse gespeist werden. Hat man einen gewissen Kenntnis- und Fähigkeitsstand erreicht, zeigt sie sich als Mimirs Brunnen, jener Quelle, aus der Odin trank um die Gabe des Hellsehens zu erlangen. Sieht man auf der Quelle die zwei Schwäne schwimmen, hat sie die Form des Urd- oder Schicksalsbrunnens angenommen.

Das Wasser des Urdbrunnens

In vielen Mythen und Sagen wird die Totenwelt als ein Ort beschrieben, den zu erreichen die Seelen einen Fluss überqueren müssen. Ob die Seelen Verstorbener nun nach Hel, Walhall oder Folkwang kommen, in jedem Fall müssen sie einen der aus dem Schicksalsbrunnen (Urdbrunnen) entspringenden Flüsse durchqueren. Nach einer Theorie werden die Erinnerungen der Seelen von den Flüssen mitgenommen und durch den Kreislauf des Wassers gelangen sie in die Quelle Hvergelmir.

Wir gehen davon aus, dass die Seelen der Verstorbenen bei ihrem Weg in das Totenreich nicht nur ihre Erinnerungen sondern auch Wünsche, Gefühle und Emotionen in den Flüssen ablegen. Da alle Wasser wieder zur Urquelle zurückkehren, werden dort alle Erinnerungen, Gefühle und Emotionen gesammelt. Die Erinnerungen machen aus Hvergelmir Mimirs Brunnen, die Quelle der Weisheit, denn Erinnerungen sind Wissen. Die Gefühle und Emotionen beeinflussen dagegen das Wasser des Schicksalsbrunnens.

Gelangen nun Gefühle und Emotionen wie Angst, Schmerz, Verzweiflung in den Schicksalsbrunnen, so verringert dies die lebensspendende Kraft des Wassers und Ragnarök rückt näher. Zuneigung, Liebe und Glück hingegen erhöhen die lebensspendende Kraft des Wassers, Yggdrasil bleibt stark und gesund und hält Ragnarök fern.

Die Schwäne auf dem Urdbrunnen

Im Urdabrunnen leben zwei Vögel, die heißen Schwäne, und von ihnen stammt die Vogelart dieses Namens.“ (Gylfaginning Kap. 16)

Die NornenBild links: „Urd, Verdandi und Skuld“ Bild aus dem Buch Asgard Stories: Tales from Norse Mythology von Mary H. Foster, 1901

Von diesen Schwänen wissen wir schon aus den ältesten schriftlich erhaltenen Überlieferungen. Schwäne sind magische Tiere. Eine Legende besagt, dass jeder Schwan nur einmal in seinem Leben singt. Es ist ein einziges Lied, dass den Schwänen im Augenblick ihres Todes erlaubt ist und dieses eine Lied hat eine besondere Bewandtnis: Sie rufen damit eine Walküre herbei. Schwäne sind die einzigen Tiere, deren Hugr von den Walküren in eine andere Welt geleitet werden.

Ihr ganzes Leben lang sammeln Schwäne die Lieder der anderen Vögel. Begleitet eine Walküre dann das Hugr eines Schwans durch den Fluss der Erinnerung, so verliert der Schwan nicht sein Wissen und seine Erinnerungen sondern gibt nur diese Lieder an das Wasser ab. Sie gelangen in den Urdbrunnen und werden dort von den zwei Schwänen gesungen, die darauf schwimmen. Diese beiden sind die einzigen Schwäne, die mehr als einmal singen. Mit ihrem Gesang reinigen sie das Wasser. Die beiden Ahnen aller Schwäne auf dem Schicksalsbrunnen sind es, die die Hugr verstorbener Schwäne aufnehmen. Sie bleiben für immer dort und singen all die Lieder, die ihnen zu singen in ihrem irdischen Leben verwehrt war.

Die Nornen & die Schwäne

In gewisser Weise beeinflussen also die Nornen gemeinsam mit den Schwänen das Schicksal aller Welten. Dadurch, dass sie Yggdrasil am Leben erhalten, sichern sie auch den Fortbestand der Welten. So interpretieren und verstehen wir die Aufgabe der Nornen. Eine Einflussnahme auf das Schicksal jedes einzelnen Menschen erscheint dagegen eher unwahrscheinlich.