Kunststile der Wikingerzeit – 800 n. Chr. bis 12. Jahrhundert

Kunststile der Wikingerzeit – Germanischer Tierstil

Der Ausdruck Germanischer Tierstil oder Tierstil bezeichnet in der Stilgeschichte und der Archäologie eine Stilrichtung des Frühmittelalters in Teilen West- und Mitteleuropas, sowie Teilen Skandinaviens. Charakteristisch für diese Stilrichtung ist die Darstellung in sich verflochtener, stilisierter Tiere und Menschen. Kennzeichnend ist dabei die Auflösung menschlicher und tierischer Körper in Einzelformen, die das Grundmotiv oft bis zur Unkenntlichkeit abwandeln, so dass einzelne Tiere nur noch an besonderen Attributen identifizierbar sind. Der germanische Tierstil bildet die Basis für die Kunststile der Wikingerzeit.

Kunststile der Wikingerzeit - K_01Bild: Wikingerzeitlicher Runenstein mit Elementen des Tierstils im Park der Universität Uppsala

Urheber: OlofE

Nach heutigem Kenntnisstand geben die Bildwerke germanischer Kunst des ersten nachchristlichen Jahrtausends weder den individuellen künstlerischen Ausdruck einzelner Menschen noch die Ergebnisse eines freien künstlerischen oder kunsthandwerklichen Schaffens wieder. Die Bildwerke sind vorwiegend in einem religiösen oder spirituellen Kontext zu sehen.

Bei der Ausgestaltung der Motive folgten die Künstler und Handwerker stets sehr engen Vorgaben und strengen gestalterischen Regeln. Je nach zu verzierendem Werkstoff wurden die vorhandenen Gestaltungs- und Motivelemente kombiniert, ohne dabei aber von den aktuellen Mode- oder Stilrichtungen abzuweichen. Die Bildwerke der Tierstile I und II zeigen eine große nord- und mitteleuropäische Gleichförmigkeit. Regionalen Besonderheiten sind nicht erkennbar. Das legt die Vermutung nahe, dass sich die germanischen Kulturen damit bewusst von den benachbarten Kulturen abzugrenzen versuchten. Die Tierstile wurden kontinuierlich weiterentwickelt und nur gelegentlich durch stilistische Einflüsse aus anderen Kulturen beeinflusst.

Kunststile der Wikingerzeit – Weiterentwicklung

Der Tierstil bildete im Laufe der Zeit verschiedene Richtungen aus.

Der Nydamstil entstand von der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts bis zur zweiten Hälfte. Er entwickelte sich vermutlich unter starkem Einfluss der provinzialrömischen Metallkunst (vor allem der Gürtelbeschläge). Während die Flächen mit floralem und geometrischem Dekor verziert sind (Ranken, Palmetten, Mäander, etc.), befinden sich am Rand Tierfiguren.

Der Tierstil I entsteht in der 2. Hälfte des 5. Jahrhunderts vermutlich in Skandinavien. Von dort verbreitet er sich jedoch rasch nach Mitteleuropa und England. Die Tiere sind zunächst Vierfüßler und See-Wesen, naturalistisch dargestellt und klar separiert. Im Gegensatz zum Nydam-Stil finden sich die Tiere nun als dominierende Elemente auf den Flächen. Zudem werden sie durch Umrandungen hervorgehoben. In der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts verschwinden die See-Wesen völlig und die vierbeinigen Tiere dominieren.

Kunststile der Wikingerzeit - Book of KellsBild: Knotenmuster auf dem Book of Kells, einer illustrierte Handschrift aus dem achten oder neunten Jahrhundert.

Flechtbandornamente sind Verzierungen aus komplex verflochtenen Bändern und Linien. Diese Knotenmuster kamen etwa zur gleichen Zeit wie der Tierstil I aus dem Osten nach Mitteleuropa. Flechtbandornamente finden wir z.B. auf dem Großen Jellingstein. Flechtbandverzierungen sind aber schon in der Spätantike sowohl im römischen wie germanischen Gebieten im Gebrauch (z. B. römische Mosaikböden, Holzschnitzereien aus dänischen Opfermooren).

Die Entstehung von Tierstil II ist noch nicht mit Sicherheit geklärt. Früher galt, dass der Tierstil II eine Verschmelzung des Tierstils I aus dem Norden und der Flechtbandornamentik aus dem Süden sei. Heute gilt das nicht mehr als gesichert. Eine gegenseitige Beeinflussung und jeweilige Übernahme erscheint jedoch am wahrscheinlichsten. Die rasche Ausbreitung des Tierstils II von Skandinavien, England bis Deutschland und Italien und die starken Ähnlichkeiten der Bildmotive über den ganzen Raum um 600 sprechen für einen intensiven Kontakt vermutlich wandernder Handwerker.

Kunststile der Wikingerzeit – Symbolik

Den im Tierstil I und II verwendet Motiven spricht man eine magische Bedeutung zu. Vermutet wird eine unheilabwehrende (apotropäische) Wirkung. Es könnte sich jedoch auch um eine Art „Heraldik“ und Pikto- oder Hierogramme gehandelt haben. Zeichen, mit denen sich Gruppen und Gefolgschaften identifizierten und ihre Verbundenheit demonstrierten.

Manche Motive finden auch heute noch Verwendung in der Ritualmagie.


Quelle: Wikipedia.de
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Siehe auch: Oseberg-Stil

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